Der Safe

Malerarbeiten mit Überraschung

„Safe“ ist Englisch, und heißt: sicher!

Mit „Safe“ im deutschsprachigen Raum bezeichnet man einen schweren Kasten! Dieser Kasten wird auch Stahlschrank, Geldschrank, Aktenschrank oder Tresor genannt.

Manchmal gibt es bei unseren Kunden auch Stahlschränke oder Safes, die schwer sind, sehr schwer sogar. Bei solchen Kunden ergibt sich immer die Diskussion, ob wir um den Safe herum malen sollen, oder, wenn der Safe nicht allzu groß und allzu schwer ist, den Safe auch mit vereinten Kräften vom Platz rücken, um die Wand hinter dem Safe auch einer Verjüngungskur zuführen zu können.

Maler-Csuvi_der Safe

Meist finden wir eine einvernehmliche Lösung, und unsere Maler-Gesellen und Meister müssen nicht ihre Muskeln zweckentfremdet einer Höchstbelastung aussetzen. Wie gesagt; meist finden wir eine einvernehmliche Lösung. Bis auf einmal:

Malerarbeiten wie üblich – oder doch nicht?

Wir hatten den Auftrag ein Büro einer Spedition neu auszumalen. Alle Aktenschränke waren schon leer geräumt, alle Schreibtische waren bereits von den Wänden weggerückt, alle Stehlampen waren bereits vorsichtig in Sicherheit gebracht worden. Diese Spedition verfügte über eine Möbelpackerbelegschaft, für die das Verrücken von Büromöbel einem Urlaubstag gleichkommt. Wir waren sehr guter Dinge.

Nun erschien aber Frau „Chefin“ auf der Bildfläche, um im Kasernenhofton die Dinge in die Hand zu nehmen, und die Gruppe der Maler mal hierhin, mal dorthin zu schicken. Frau Chefin war eine wohl ältere aber sehr drahtige Frau, und hatte in etwa jenes Alter erreicht, wo man berechtigt die Frage stellen konnte, ob ihre Tochter auch schon die wohlverdiente Pensionsgrenze erreicht haben mag.

Sie hieß uns das letzte, das hintere, das Chefbüro zu betreten. Auch hier war bereits viel Vorarbeit geleistet worden. Bis auf, ja, genau, bis auf einen ansehnlichen Safe, der friedlich in einer Ecke schon einige Jahrhunderte überdauert zu haben schien. Er stand dort schwer und majestätisch, und schien uns zu signalisieren, dass er schon mehr Kriege erlebt hat, als wir in der Schule vorgetragen bekommen haben. Unsere Malergilde kicherte leise, über Fahrlässigkeit der Möbelpackergilde, und meinte, das Ding wäre wohl zu schwer um verrückt zu werden.

Allen Beteuerungen der Belegschaft zum Trotz, bestand Frau „Chefin“ aber darauf, dieses stählerne Ungetüm von der Wand zu rücken, denn das wird immer so gemacht, schon seit Jahren, und diesmal wird das genauso geschehen. Schließlich braucht sie den Safe fast jeden Tag, um die Tageslosung zu hinterlegen, oder wichtige Dokumente zu verwahren. Ja, ja, der Safe muss weg von der Wand, der Safe gehört zum Inventar, wir haben uns verpflichtet jede Wand zu streichen.

Wir starteten die ersten ungeschickten Versuche, frei nach der Regel: „wie nehmen wir ihn denn“. Das Ding schien Tonnen zu wiegen. Es rührte sich keinen Millimeter. Nun steuerte einer von uns den hilfreichsten Gedanke bei, indem er forderte den Safe zu öffnen, um jeglichen schweren Inhalt zu entfernen. Frau Chefin war nicht sehr glücklich über den Vorschlag, wir bestanden aber auf der Leeräumung.

Auch wuchs in uns die Neugierde ins Unermessliche. Kein „Tatort-Krimi“, keine Folge von „Kommissar Wallander“ hätte größere Spannung in uns hervorrufen können, als die Neugierde über den kostbaren Inhalt dieses mystischen Möbelstückes. Wie viele Goldbarren und Silberlinge, wie viele Edelsteine und Geldbündel mögen wohl im Bauch dieses Ungetüms schlummern?

Der Safe wird geöffnet

Frau Chefin brauchte lange um mit den Schlüsseln wieder aufzutauchen. Ungeschickt hantierte sie herum, bis sie endlich alle vier Safeschlösser aufgesperrt hatte. Nun machte sie sich daran die schwere Türe zu bewegen, was nicht leicht war, und wir halfen ihr dabei. Endlich öffnete sich die Türe mit einem zischenden Geräusch zum „täglich“ gebrauchten Aufbewahrungsmöbel.

Die ersten 10 Sekunden war kein Ton im Raum zu hören.

Dann holten 5 Mann Malermannschaft tief Luft.

Aus der Kommissar Wallander Spannung war eine „Inspector Clouseau Entladung“ geworden.

Unser brüllendes Gelächter war bis in jeden Winkel des Büros zu hören!

5 männliche Augenpaare, weit aufgerissen, waren auf 8 Spinnenaugen gerichtet, die ebenfalls erstaunt

zu blicken schienen.

Wir starrten auf eines der schönsten Spinnennetze die wir jemals gesehen haben, dass sich nahezu über den gesamte leeren Raum des Safes erstreckte.

„Ja, wie kommst denn du da rein?“

„Hast du all das Geld gefressen?“ (denn der Safe war, bis auf das Spinnennetz völlig leer)

„Hast aber brav gesponnen, in einem Tag!“

„Bist du hierin geboren, oder hat man dich importiert?“

„Sollen wir den Tierschutzverein rufen, um dich an das Tageslicht zu gewöhnen?“

„Hast du auch Kinder großgezogen?“

„Bist du so teuer, dass man dich in einem Safe verwahrt?“

Unsere Späße über oder mit der dicken fetten Spinne wollten kein Ende nehmen, bis wir dann das Zielgebiet der Späße auf Frau Chefin erweiterten. Denn mit „diesen Safe brauchen wir täglich“ war nun nicht mehr zu motivieren warum wir das tonnenschwere Gebilde auch nur einen Millimeter bewegen sollten. Eine Begründung die uns ohnedies fragwürdig erschienen war.

Geschichten rund um das Ausmalen…

Seit diesem Erlebnis ist jeder meiner Bierstammtische um eine Geschichte reicher. Oft werde ich ersucht diese Begebenheit doch noch einmal zu erzählen. Meine Stammtischkumpels sind aber dann immer so nett, mich auf vergessene Details aufmerksam zu machen, um die Geschichte in jeder Erzählfassung noch facettenreicher zu gestalten. Auch versuchen meine Kumpels ihre eigene Phantasie mit einzubringen. Aber das geht nicht. Der Meister der Ausschmückungen bin ich, und ich sage immer die Wahrheit, auch nach einigen Bieren.